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Frühere Verhältnisse

Aus Wikipedia
Der Artikl is im Dialekt Weanarisch gschriem worn.
Daten
Titl: Frühere Verhältnisse
Goddung: Posse mit Gesang in Einem Act
Originalsproch: Deutsch
Autor: Johann Nestroy
Literarische Voarlog: Ein melancholischer Hausknecht oder Alte Bekanntschaften von Emilie Pohl (?)
Musi: Anton M. Storch[1]
Eascheinungsjoar: 1862
Uaauffiahrung: 7. Jänner 1862
Oat vo da Uaauffiahrung: Treumann-Theater in Wean
Oat und Zeid vo da Handlung: eine große Stadt[2]
Personen
  • Herr von Scheitermann,[3] Holzhändler
  • Josephine, dessen Frau
  • Anton Muffl,[4] Hausknecht
  • Peppi Amsel,[5] Köchin

Frühere Verhältnisse is a Posse mit Gesang in Einem Act vom Johann Nestroy. De Easchtauffüahrung woa'r aum 7. Jänna 1862 im Karl Treumann sein Theater am Franz-Josefs-Kai (Treumann-Theater).

Da Herr Scheitermann vasuacht seit seina Hochzeit mit dera aus ana Professoa'nfamüli kummat'n Josephine, sei'n afåche Heakunft zum vabeag'n. Da Schwind'l droht zum auffliag'n, wia'r eahnare früacha'n Dienstbot'n kündicht wea'n, da Hausknecht vom Scheitermann, weul a Zigarr'n g'stoih'n håt und des Dienstmadl von da Josephine, weu de iah'n Gatt'n dabei dawischt håt, wia'r a dera de Waungan g'streich'lt håt:

„Wie doch die Frauen immer nach dem Schein urtheilen! Willenlose Handbewegung, unabsichtlicher Dienstboth, zufällige Durchkreuzung der Handbewegungslinie durch die über‘s Zimmer schus[s]elnde Dienstbothenwange, da muß man nicht gleich eine Intention d’rinn suchen wollen.“ (1ste  Scene)[6]

Ois neuch's Dienstmadl bewiabt si de Peppi, de wo scho Kechin bei da Josephine iahra Famüli woa'r und duat'n de vüi'n Liabschåft'n von da Josephine dalebt håt. De Josephine stöit's ei und klågt safuat, dass iah Gatte zwoa reich, owa'r a bissl dumm warat, wås de Peppi gaunz posetiv eischätzt:

„Reich und dumm?! – Sie sind ja ein Glückskind!“(4te  Scene)[7]

No schlimma wiad's, wia'r ausg'rechn't da vakråchte Anton Muffl, bei dem da jetztiche Haushea söwa'r amoi Hausknecht woa, si füa den Post'n bewiabt. Dazua kummt no, dass a wäahrend da Peppi iahra Theatazeit mit iah'r a G'spusi g'håbt håt. Safuat setzt da Muffl in Scheitermann mit sein' Wiss'n um sei niadriche Vagaunganheit unta Druck und faungt aun, eahm ohne Scheniara zum eapress'n („O, ich will euch ein furchtbarer Hausknecht sein.“). De Peppi glaubt duach a foisch vastaundane Untahoitung von de zwaa Männa, dass' in Muffl den Kompliz'n vom Scheitermann bei an Raubüwafoi entdeckt hättat. Da Muffl wiedarum glaubt, de Peppi warat jetzt'n de Gattin vom Scheitermann, eascht duach a heftiche Streitarei zwisch'n olle Beteulicht'n kläa'n si de gaunz'n Missvaständniss' auf, wås da Scheitermann ois de Hauptsåch' siacht. Da Muffl find't des richtiche Schlusswuat:

„Nein, die Hauptsach' is, (mit Bezug auf das Publikum) daß auch sonst Niemand die ‚früheren Verhältnisse‘ uns übel nimmt.“ (18te  Scene)[8]

Weaksg'schicht'

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In Nestroy seine spät'n Weak' Frühere Verhältnisse und Häuptling Abendwind, hau'm aum Treumann-Theater g'schwind nåchanaunda eahnare Easchtauffüahrungan (7. Jänna und 1. Februar 1862) dalebt, es is drum zum aunehma, dass's scho vua'n Joahresend 1861 so ziemli featich g'schrieb'n woa'n. In an Briaf aunan Karl Treumann vom August 1861 håt da Nestroy üwa de Beschäftichung mit'n Häuptling Abendwind g'schrieb'n und gleichzeitich aug'frågt, ob da Treumann a weita's füa'r a Beoawatung brauchboa's Stückl kenna tuat.[9]

Ois Vualåg füa des Stückl, sei vualetzt's vua sein Tod – des letzte woa da Häuptling Abendwind – håt da Nestroy vamutli den Schwaunk Ein melancholischer Hausknecht oder Alte Bekanntschaften,[10] Uarauffüahrung in Berlin aum 30. Juli 1861, von da Berlina Schriftstöllarin Emilie Pohl (* 1824; † 1901)[11] vawend't. Des is zamindast'ns in da zeitgenössisch'n Weana Theatazeidung Der Zwischenakt g'staund'n. Der Humorist vom Moritz Gottlieb Saphir dageg'n håt a französesch's Vaudeville ois Vualåg aug'numma. No 1989 san vom Jürgen Hein olle zwaa Aunnauhman ois unsicha bezeichn't wua'n, 1996 håt dageg'n da Peter Branscombe aug'numma, in Pohl sei Weak kenntat duachaus de Vualåg g'wes'n sei, b'sundas drum, weul aa auf'n Theatazedl de Emile (sic!) Pohl ois soichane augeb'n wiad.

In da Roi'n von da Peppi håt da Nestroy wiedarum amoi ans von seine Liablingstheman auf de Bühne bråcht, nemlich de ironische Ohrechnung mit'n Theatabetriab, gaunz b'sundas mit da traurich'n Zåhlungsmoräu von de Direkta'n. Des woa scho bei Der Zettelträger Papp (1827), Das Quodlibet verschiedener Jahrhunderte (1843), Zwey ewige Juden und Keiner (1846), Theaterg’schichten (1854) und aundare von seine Weak' da Foi. So räsoniat de Peppi glei bei'm Auftrittsmonolog:

„Was hab' ich gehabt davon? Gagen zahlen war bei diesen Direktionen nicht üblich, und wegen mir konnte man nicht abgehen von diesem Grundprinzip.“ (Dritte Szene)[12]

Aa da Muffl ironesiat de Theataschauspüla, de wo'r a in da Peasaun von da Peppi friacha kennag'leant håt:

„[…] sie hat sich noch viel mehr eingebildet, als wirklich dran war – wie s' schon so sind bei die kleinen Theater, bei die großen is das anders!“ (Fünfte Szene)[13]

Da Nestroy håt in Hausknecht Muffl, da Alois Grois in Herrn Scheitermann, de Anna Grobecker (1829–1908) de Josephine, de Therese Braunecker-Schäfer (1825–1888) de Peppi g'spüit. Nåch an no vuahaundanan Theatazedl san nua'r aun an anzich'n Åbend (aum 4. Februar 1862) sowoi Frühere Verhältnisse ois aa Häuptling Abendwind z'saumman im Treumann-Theater aufg'füaht wua'n. Des Stückl dazwisch'n woa des Singg'spüi Hochzeit bei Laternenschein vom Karl Treumann, mit Melodien vom Jacques Offenbach.[14]

An Origenäumanuskript aus'n Nestroy sein Nåchlåss (Nr. XXIX) mit Vuazensua-Aumeakungan vom Dichta söwa is üwaliefat[15], eb'nso des genauso eig'nhändiche Roi'nbüachl vom Muffl, des wås da Nestroy füa si söwa g'schrieb'n håt, mit aniche Flüchtichkeitsföhla,[16] A Zensuamanuskript mit vaschiedane Vameak' (10. 4. 1881 Theater in der Josefstadt, 21. 4. 1881 Pilsen, 5. Mai 1881 Reichenberg) ist aa no vuahaund'n.[17]

Von de Origenäumanuskript'n von da Musi is nua'r a Partetua mit'n Entrè Lied N 1 (Peppi) & Entrè Lied N 2 (Muffl), Tit'l Frühere Verhältnisse Posse von j. Nestroy Musik von A: M: Storch mp Kapellmeister am K.K. pr[ivile]g[ierten] Carl Theater eahoit'n.[18]

Ds Stückl g'höat heut no zu de aum meist'n g'spüit'n aus'n Nestroy sein dramatisch'n Schåff'n.

Zeidungskritik

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De zeitgenössische Kritik håt sowoi des Stückl ois aa de prima schauspülarische Leistung vom Nestroy 'lobt, olladings woa'n's nua recht wenich Zeidungsbericht üwahaupts dazua.[19]

In da Zeidung Zwischen-Akt vom 8. Jänna 1862 (5. Jg, Nr. 8) woa'r a recht ausfüahlicha Bericht zum les'n:

„Gebührt dem verehrten Verfasser auch nicht das Verdienst, den Stoff seines einaktigen Lustspieles: ‚Frühere Verhältnisse‘, selbst erfunden zu haben, so wußte er durch eine treffliche Lokalisierung dieses Lustspieles, das er mit Witz und Humor reichlich ausstattete, neue Lorbeeren dem reichen Kranze beizufügen. Kurz, das Publikum zeichnete den Dichter Nestroy in gleicher, fast demonstrativer Weise aus, wie den Schauspieler, dessen ‚Muffel‘ eine von keinem andern Künstler je zu erreichende Leistung genannt werden muß.“

De Morgen-Post vom söib'n Tåg (12. Jg, Nr. 7) håt ois easchte de Vualåg vom Nestroy g'nennt:

„[…] die anmuthige Posse ‚Frühere Verhältnisse‘ (‚ein melancholischer Hausknecht‘ von Pohl) […]“

Des Untahoitungsbladl Hans-Jörgel von Gumpoldskirchen woa volla Lob üwa des Stückl:

„Das Ereigniß der Woche war Nestroy’s neue Posse Frühere Verhältnisse, die uns ganz an die früheren Verhältnisse der Wiener Volksposse erinnerte, – da ist Spaß und Witz in Fülle, da reißt der zündende Dialog, der Gedankenreichthum die Zuhörer zum lauten Bravo, zum schallenden Gelächter hin.“

Aa Der Humorist (11. Jänna, Nr. 2), de Ost-Deutschen-Post (12. Jänna, 14. Jg., Nr. 11), de Recensionen und Mittheilungen über Theater, Musik und bildende Kunst(12. Jänna, Jg. 8, Nr. 2, S. 28–29), und aundare Bladln hau'm seah posetiv g'schrieb'n.

Spätare Fåchkritik

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Da Otto Forst de Battaglia håt 1932 no kritesiert, dass a si bei dem Stückl um „eine an sich harmlose Kleinigkeit eigener Schöpfung“ haund'ln tättat[20], spätare Literatuahistorika weich'n owa deitlich von dera und aundere früachare Meinungen oh.

Da Helmut Ahrens maant, dass de unhamlich freindliche Aufnauhm von dem Weak duach's Publekum net nua dem Stückl aun si, sundan vüimeahra dem „Denkmal Nestroy, der Legende, dem Mann, der Theatergeschichte gemacht hat“, goit'n hättat, wia'r a von seine Zeitgenoss'n scho vua sein Tod g'sehg'n wua'n is. Aa de Zeidungskritik'n hättat'n de Eistöllung zagt.[21]

Da Franz H. Mautner eawähnt eb'nfois an Schwaunk von da Emilie Pohl, dea wo nua nimma zum eruia'n warat. Des Stückl bezeichn't a ois „auf kleinstem Raum konzentrierter Nestroy bei harmlos-albernstem Aussehen.“ Vua'm Hintagrund von de wiatschåftlich und g'söischåftlich unsicha wuadanan Zuaständ wurat'n bei dera satirisch'n Sozeäukritik hintafotziche Bemeakungan üwa'n vaduabanan Theatabetrieb, üwa's unberech'nboare Schicksoi, üwa'n Staundesdünk'l und de Hochnåsichkeit und b'sundas üwa Teischung und Söwateischung g'schrieb'n.[22]

Da Hans Weigel sågt, dass des Weak „doch in die erste Reihe seiner Meisterstücke gehört“.[23]

Beim Kurt Kahl steht zum les'n, „dass die letzten Rollen, die [Nestroy] sich selbst schreibt, ein Phlegma vortäuschen, durch das jedoch die Satire in ungebrochener Leuchtkraft hindurchschimmert. […] Dass hier die Fragwürdigkeit sozialer Existenz vorgeführt wird, dass Sein und Schein in einer großartigen Parabel gegeneinandergehalten werden, erfasst kaum jemand.“[24]

Aa da Rio Preisner find't den sozeäu'n Inhoit bezeichnend füa des Weak, weu „mit Ausnahme von Josephine, der Professorentochter, verkörpern alle Gestalten die soziale und moralische Unsicherheit der liberalistischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.“[25]

  • Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. Johann Nestroy, sein Leben. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-7973-0389-0; S. 343.
  • Peter Branscombe (Hrsg.): Johann Nestroy; Stücke 38. In: Jürgen Hein/Johann HüttnerWalter Obermaier/W. Edgar Yates: Johann Nestroy, Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Deuticke, Wien 1996, ISBN 3-216-30239-3; S. 1–36, 83–146.
  • Fritz Brukner/Otto Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, vierzehnter Band, Verlag von Anton Schroll & Co., Wien 1930.
  • Franz H. Mautner (Hrsg.): Johann Nestroys Komödien. Ausgabe in 6 Bänden, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1979, 2. Auflage 1981, 6. Band. OCLC 7871586.
  1. schaug bei Anton M. Storch
  2. g'maant is Wean
  3. Scheitermann = anaseits von von Hoizscheidl; aundraseits an Oxymoron, weu da Scheitermann jå goa net g'scheitat (scheitern = vasåg'n), sundan sozeäu sogoa'r aufg'stieg'n is
  4. Muffl, Muffel = vadriaßlicha, unfreindlicha Mensch
  5. Peppi = Kuazfuam von Josephine, Josefa
  6. Branscombe: Johann Nestroy; Stücke 38. S. 7.
  7. Branscombe: Johann Nestroy; Stücke 38. S. 12.
  8. Branscombe: Johann Nestroy; Stücke 38. S. 36.
  9. Branscombe: Johann Nestroy; Stücke 38. S. 87.
  10. Text in Branscombe: Johann Nestroy; Stücke 38. S. 92–111.
  11. eawähnt in Otto Rommel: Nestroys Werke. Auswahl in zwei Teilen, Goldene Klassiker-Bibliothek, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin/Leipzig/Wien/Stuttgart 1908; S. LXXXV.
  12. Brukner/Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. S. 527.
  13. Brukner/Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. S. 533.
  14. Faksimile vom Theatazedl in Branscombe: Johann Nestroy; Stücke 38. S. 197.
  15. Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur I.N. 135.818
  16. Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur I.N. 70.685.
  17. Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur I.N. 142.411 (Ib 149.362).
  18. Musiksammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur MH 366.
  19. Branscombe: Johann Nestroy; Stücke 38. S. 112–119 (füa'a gaunze Kapit'l Zeidungskritik
  20. Otto Forst de Battaglia: Johann Nestroy, Abschätzer der Menschen, Magier des Wortes. Leipzig 1932, S. 80.
  21. Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 387–388.
  22. Franz H. Mautner: Johann Nestroys Komödien. S. 305–306.
  23. Hans Weigel: Nestroy, Velber bei Hannover 1967; S. 62 f.
  24. Kurt Kahl: Johann Nestroy oder Der Wienerische Shakespeare. Molden, Wien 1970, S. 311.
  25. Rio Preisner: Johann Nepomuk Nestroy. Der Schöpfer der tragischen Posse, München 1968, S. 173–175.