Der Erbschleicher

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Der Artikl is im Dialekt Weanarisch gschrim worn.
Daten
Titl: Der Erbschleicher
Goddung: Posse mit Gesang in vier Aufzügen[1]
Originalsproch: Deutsch
Autor: Johann Nestroy
Literarische Voarlog: La Reine d'un jour von Eugène Scribe und Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges
Musi: Adolf Müller senior
Eascheinungsjoar: 1840
Uaauffiahrung: 21. Mai 1840
Oat vo da Uaauffiahrung: Leopoldstädter Theater in Wean
Oat und Zeid vo da Handlung: Die Handlung spielt im ersten Akte auf dem Schlosse Kuppenschnee, später und im zweiten Akte in einem in der Vorstadt[2] gelegenen Einkehrwirthshause, im dritten Akt in Tost's Hause, im vierten ebendaselbst und in einem abgelegenen Jagdschlößchen
Personen
  • Baron Kuppenschnee
  • Rudolf, sein Neffe
  • Pauline, dessen Gattin
  • v. Walting, entfernter Verwandter des Barons
  • Gregorius Tost,[3] Wirth
  • Everl, dessen Tochter, Kellnerin in der Stadt
  • Frau Bratelhoferin, Wirthin
  • Agnes, ein Bauernmädchen
  • Simon Dappel,[4] ein Bauernbursche vom Lande
  • Uhu,[5] ein Kapitalist
  • Moorbach, Paulinens gewesener Vormund
  • Friedrich, Rudolfs Bedienter
  • Jean, Waltings Bedienter
  • Radschuh, Schnalzer, Fuhrleute
  • Emmerenzia Bachstelz,[6] ehemalige Beschließerin auf dem Schlosse Kuppenschnee
  • Dörfling, Brunner, Pächter
  • Grün, Stein, Revierjäger
  • Sack, ein Müller
  • Hansel, Kellner bei Tost
  • Steffel, Knecht bei Tost
  • Anton, Bedienter vom Schlosse
  • Buchner, Amtmann auf Kuppenschnee
  • Dienerschaft, Jäger, Fuhrleute

Der Erbschleicher is a Poss'n mit G'saung in via Aufzüg vom Johann Nestroy. De easchte Auffüahrung woa'r aum 21. Mai 1840 im Weana Leopoldstädter Theater ois Benefiz-Vuastöllung füa'n Dichta söwa.

Inhoit[VE | Weakln]

Da Baron Kuppenschnee mechtat sein Neff'n Rudolf enteab'n, weu dea und sei Gattin Pauline z'weg'n vaschiedane Diffarenz'n ausanaundgaunga san. Da hintafotzate v. Walting, dea wo söwa gaunz allanich ollas eab'n mechtat, vasuacht drum mit olle Mitt'ln, a Vasöhnung von de zwaa und a Ausspråch mit'n Kuppenschnee zum vahindan. Sei Diena Jean hüft eahm dabei und vasuacht, in Robert sein brav'n Diena Friedrich auf eahna Seit'n zum bringa und schenkt eahm drum 40 Guid'n:[7]

„Da hast du. Betrachte es als ein kleines Darangeld vom Herrn von Walting, du wirst ihn gewiß von der splendidesten Seite kennen lernen.“ (1ter Act, 7te Scene)[8]

Da sensateaunsgiariche Gåstwiat Tost mischt se üwaroi eine und bringt drum aa ollas duachanaunda. Da Walting mechtat eahm füa seine Åbsicht'n eispaunna, in Rudolf und de Pauline vom Kuppenschnee feanzumhoit'n, owa da Tost wechselt so g'schwind de Seit'n, dass a boid söwa nimma waaß, zu wem a eigentli no hoit.

Da Dappel suacht sei Braut Agnes, de wo in da Stådt 's Glick måch'n mecht und wiad vom Radschuh ois Fuahmaunn augaschiat. De Köllnarin Everl, in Tost sei Tochta, måcht eahm scheene Aug'n, weu's glaubt, in eahm in Richtich'n g'fund'n zum hau'm:

„Folgsam ist er auch; der hätt' so alle Eigenschaften, wie ich mir's wünsch.“ (1ter Act, 17te Scene)[9]

Da Moorbach kummt mit sein ehemålich'n Mündel Pauline, damit a hamlich's Treff'n mit'n Kuppenschnee und de Vasöhnung mit'n Rudolf arraunschiat wiad. Ea augaschiat de Agnes, de wo ois Pauline vakleidet in Walting und seine Spitz'ln auf a foische Spua lock'n soi. Da Dappel plåtzt dazwisch'n, is si owa net sicha, ob a de Agnes wiaklich dakennt håt.

„Es geht eine dunkle Sage in der Welt von einem Mandel, welches beim Sterz g'standen ist,[10] was dieses Mandel damals empfunden hat, das empfind' ich jetzt; was gebet ich jetzt drum, wenn ich g'wiß wüßt', daß das die Agnes nit ist?“ (3ter Act, 15te Scene)[11]

Da Walting entfüaht wia vuag'sech'n de foische Pauline, da Dappel mechtat's befrei'n, wia de zwaa owa dabei entdeckt wea'n und da Jean scho vom Umbringa red't, kummt im letzt'n Moment da Kuppenschnee dazua. De echte Pauline håt eahn üwa'n Walting seine Intrig'n aufkläat, da Rudolf und sie vasöhnan si, da Dappel kriagt de von de Spinnarei'n kuriate Agnes, nua da Walting geht lea aus. Da Dappel stöit vagnügt fest:

„Der hat sein' Fetten 'kriegt,[12] der Böswicht!“ (4ter Act, 15te Scene)[13]

Weaksg'schicht'[VE | Weakln]

In Nestroy sei Vualåg woa de französesche komische Opa La Reine d'un jour (Königin für einen Tag)[14] vom Adolphe Adam. Des Libretto haum da Eugène Scribe und da Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges g'schrieb'n, de Uarauffüahrung woa aum 19. Septemba 1839 in da Opéra-Comique von Paris. In Deitschlaund is aum 23. März 1840 in München und aum 14. April 1840 in Berlin g'spüit wua'n. In Nestroy sei Fåssung woa net b'sundas eafoigreich, weu da Stoff z'weg'n da Üwatrågung von da lyrisch-heroischen Oat in da Opa in de deabkomische Poss'n nimma so guat woa. Des Vaudeville Vierundzwanzig Stunden Königin vom K. W. Koch, des wås in Nestroy sei Weak boid vadrängt håt. Da Nestroy håt de G'schicht in voikstümliche und in private Situateaunan umg'waund'lt.[15]

In La Reine d'un jour aungaschiat da portugiesische Kapitän Graf d'Elvas de naive Modistin Francine Camusat ois Doppegängarin von dera englisch'n Kenigin Katharina von Braganza, damit von da echt'n Kenigsfamilie vom Karl II. ohg'lenkt wiad, de wo de Wiedaheastöllung von da Monarchie und in Stuaz von de Cromwell-Auhänga vuabereit'n. Da Liabhåwa von da Francine, da Matros' Marcel, glaubt owa, se betrüagt eahm mit'n d'Elvas und drum foaht a so wia olle aundan Beteulicht'n nåch England. In da Wiatschåft vom Trim Trumble kummt's zum Finale, de Francine tritt ois Kenigin auf, soi drum von de Republikana umbråcht wea'n und wiad im letzt'n Moment von kenigstreiche Soidåt'n befreit und reich belohnt.[16]

Beim Nestroy wiad de Francine zua Agnes, da Marcel zum Dappel, da Graf d'Elvas zum Moorbach, da Trim Trumble zum Tost, des Kenigspoa zum Rudolf und da Pauline und aus dene Republikana wea'n da von Walting und da Jean.

Die Üwaaustrengung vom Dichta woa bei dem schwåch'n Stückl zum gspüa'n, weu dea auf'n Wunsch vom Direkta Carl Carl neb'n dem Stücklschreib'n aa no auf de Bühnan vom Leopoldstädter und vom Theater an der Wien spüi'n håt miass'n.[17]

Da Nestroy håt in Simon Dappel, da Wenzel Scholz in Gregorius Tost, da Alois Grois in Fuahmau Radschuh, da Franz Gämmerler in Neffen Adolf, da Ignaz Stahl in Kapetalist'n Uhu, de Eleonore Condorussi de Agnes und in Nestroy sei Leb'nsgefäahtin Marie Weiler de Everl g'spüit.[18]

A net b'sundas eafoigreiche Wiedaaufnauhm' von dem Stückl woa'r aum 13. Dezember 1845 im Theater in der Leopoldstadt, wiedarum mit de Hauptakteua Nestroy, Scholz und Grois.

A Origenäumanuskript vom Nestroy, wo da Tit'l in ana Raundnotiz ois Die gnädige Frau augeb'n wiad, is no vuahaund'n, genauso ois wia'r a Szenario mit demsöb'n Titel und an ziemli genau'n Szenanåblauf.[19]

Zeidungskritik[VE | Weakln]

In dera füa'n Nestroy imma guatg'sinnt'n Wiener Theaterzeitung vom Adolf Bäuerle woa'r aum 23. Mai 1840 a launge Besprechung saumt ana Inhoitsaugåb' zum les'n:

„In jedem Produkte Nestroys, selbst wenn es ein schwächeres wäre, liegt Vorrat genug, um zehn ordinäre Lokalpossen, wie sie gewöhnlich gang und gäbe sind, damit auszustatten. Das gilt denn auch von dieser Novität, die sich zwar nicht ganz den gelungenen Arbeiten des Dichters anreiht, aber doch eine Fülle von Witz und gesunder Laune beherbergt. […] Das Haus war ungemein voll und beehrte den Dichter mehrmals mit schmeichelhaften Zeichen seiner besonderen Teilnahme. Er wurde nach vielen Szenen, nach jedem Akte, und am Schlusse zweimal gerufen. Auch Herrn Scholz, Herrn Grois und Dem.[20] Condorussi widerfuhr gleiche Ehre.“

De Wiener Zeitschrift håt aum 25. Mai wesentli kritischa g'schrieb'n:

„Der Stoff ist verwickelt genug, aber auch ziemlich unwahrscheinlich und bedeutend gewagt, für ein komisches Stück übrigens unzulänglich und daher mit eingeschobenen Figuren vollgepfropft, die nicht eben auf die glücklichste Weise in die Intrige verflochten sind, in der Charakteristik tut besonders eine augenfällige Inkonsequenz und eine gewisse Roheit weh, die der Wirkung wenig Vorteil bringt.“

Im Sammler woa'r a launge Rezenseaun mit ana aum End do no freindlich'n Manung ohdruckt wua'n; aum 23. Mai woa'r a schäafare Kritik im Humorist zum les'n, wo dea zum Nestroy fåst imma unfreindliche Moritz Gottlieb Saphir g'schrieb'n håt, in dea wo de Schwåchstöll'n von dem Stückl genau aufzöht wua'n san.[21]

Nåch da Wiedaraufnauhm håt daunn – so wia'r a aundare Theatazeitschrift'n – Der Humorist aum 15. Dezemba (Nr. 229, S. 1195) g'mant:

„Nestroys ‚Erbschleicher‘ , welcher im Theater an der Wien vor mehreren Jahren kein besonderes Glück gemacht hatte, suchte dasselbe vorgestern auf dieser Bühne [Leopoldstädter Theater], und die Aufnahme war eine etwas freundlichere.“[22]

Spätare Fåchkritik[VE | Weakln]

Eascht seit dene Sechzgajahrln vom 20. Joahrhundat håt si de Nestroy-Foaschung wiedarum mi'n Erbschleicher beschäftigt.

Beim Franz H. Mautner wiad des Stückl ois „Rückfall“ nåch'n Eafoig vom Der Färber und sein Zwillingsbruder (1840) g'sehg'n, weu's nämli a Zwittaprodukt in da Richtung zum melodramatisch'n Intrigenstückl warat und ois solchanes fåst nimma ois Poss'n bezeichn' wea'n kunntat.[23]

Da Otto Basil siacht des Weak ois „ein etwas aus Nestroys Art geschlagenes Werk“, weu's „des kaustischen[24] Witzes, der für Nestroy so eigentümlich ist, entbehre“.[25]

Aundare Foascha denk'n ähnlich – a Vasuch von da Eva Reichmann, in Nestroy sein politisch'n Konservativismus und sei Festhoit'n aum feudal'n Ständestååt geg'n an Liberalismus und Kapitalismus aus dem Stückl zum beweis'n, is olladings a Einz'lmanung blieb'n.[26]

Literadua[VE | Weakln]

  • Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig' ich mich nicht. Johann Nestroy, sein Leben. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-7973-0389-0.
  • Louise Adey Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. In: Jürgen Hein/Johann Hüttner/Walter Obermaier/W. Edgar Yates: Johann Nestroy, Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Deuticke, Wien 1998, ISBN 3-216-30313-6, S. 1–78, 99–240.
  • Otto Rommel: Nestroys Werke. Auswahl in zwei Teilen, Goldene Klassiker-Bibliothek, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin/ Leipzig/ Wien/ Stuttgart 1908.
  • Fritz Brukner/Otto Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, zehnter Band, Verlag von Anton Schroll & Co., Wien 1927.

im Netz[VE | Weakln]

Beleg[VE | Weakln]

  1. da Nestroy schreibt im Text imma Act
  2. g'mant is a Vuastådt von Wean
  3. Tost = kummt von Dost’l, wås daumois so vü ois wia „aufgedunsen, dick mit kurzem Hals“ g'hass'n håt (Franz Seraph Hügel: Der Wiener Dialekt: Lexikon der Wiener Volkssprache. 1873); a Auspülung vom Nestroy auf'n Scholz sei waumpate Figua
  4. Simon = nåch'n Simandl; Dappel = baiarisch/östarreichisch füa'r an påtschat'n, net b'sundas g'scheit'n Mensch'n
  5. Huish (S. 231) denkt aunan Vagleich Kapetalist=Raubvog'l
  6. Bachstelz, Bachstelze = a mågara Mensch, a launghaxats Frau'nzimma (bei Ignaz Franz Castelli)
  7. 1 Guid'n woa'n 120 Kreuza, a Zwanz'ga 20 Kreuza, a Grosch'n 3 Kreuza
  8. Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. S. 13.
  9. Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. S. 27.
  10. wia's Mand'l beim Steaz = råtlos (Franz Seraph Hügel: Der Wiener Dialekt: Lexikon der Wiener Volkssprache. 1873)
  11. Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. Varianten, S. 196. (Dea Text vom Dappel is owa nua'r in an anzich'n Theatamanuskript zum find'n, ohdruckt bei: Vinzenz Chiavacci/Ludwig Ganghofer: Gesammelte Werke, Band VII)
  12. seine Fetten kriag'n = sei gebührende Stråf kriag'n
  13. Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. S. 77.
  14. Faksimile vom Originaltext in Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. S. 307–338.
  15. Otto Rommel: Nestroys Werke. S. LV–LVI
  16. Inhoitsaugåb in Brukner/Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. S. 586–592.
  17. Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 218.
  18. Faksimile des Theaterzettels in Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. S. 269.
  19. Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signaturen I.N. 33.738 und 36.762.
  20. Dem. oda Dlle. woa de Ohküazung füa Demoiselle (= „Fräulein“), de seinazeit übliche Bezeichnung von de unvaheirat'n Damen im Ensemble; de vaheirat'n Schauspülarinna san mit Mad. („Madame“) auf'n Theatazedl g'staund'n
  21. Brukner/Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. S. 593–601. (für das ganze Kapitel)
  22. Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. S. 137.
  23. Franz H. Mautner: Nestroy. Heidelberg 1974.
  24. kaustisch = boshåftich, mokant,, schoaf, spöttisch (Duden online [1])
  25. Otto Basil: Johann Nestroy in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. (= rororo bildmonographien. 132). Reinbek bei Hamburg 1967.
  26. Eva Reichmann: Konservative Inhalte in den Theaterstücken Johann Nestroys. S. 92 f.