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Nur Ruhe!

Aus Wikipedia
Der Artikl is im Dialekt Weanarisch gschriem worn.
Daten
Titl: Nur Ruhe!
Goddung: Posse mit Gesang in Drey Acten
Originalsproch: Deutsch
Autor: Johann Nestroy
Musi: Adolf Müller senior
Eascheinungsjoar: 1843
Uaauffiahrung: 17. November 1843
Oat vo da Uaauffiahrung: Theater in der Leopoldstadt in Wean
Oat und Zeid vo da Handlung: Die Handlung spielt in Schafgeists Haus und in der Umgegend, nicht weit von der Hauptstadt entfernt[1]
Personen
  • Anton Schafgeist, Lederermeister
  • Heinrich Splittinger, sein Neffe
  • Herr von Hornissl, Speculant[2]
  • Barbara, seine Frau
  • Peppi, beider Tochter
  • Laffberger[3], Neffe des Herrn von Hornissl
  • Madame Groning, Forstmeisterswitwe
  • Syndicus[4] Werthner
  • Franz Walkauer, Geschäftsführer[5] bei Schafgeist
  • Sanfthuber, Altgeselle[6] bei Schafgeist
  • Rochus Dickfell, Lederergeselle bei Schafgeist
  • Steffl, Lehrjunge bei Schafgeist
  • Frau Schiegl, Schafgeists Haushälterin
  • Klecks, Amtschreiber
  • Patzmann[7], Dorfchirurg
  • Leocadia, Ziehtochter des Rochus
  • Schopf, Wachter[8]
  • 1ter, 2ter Geselle
  • 1ter, 2ter Knecht

Nur Ruhe! is a Posse mit Gesang in Drey Acten vom Johann Nestroy. Des Stück is 1843 vafåsst und aum 17. Novemba von dem Joahr zum eascht'n Moi ois „Benefiz-Vuastöllung“ füa'n Dichta söwa aufg'füaht wua'n. Weu's owa trotzdem scho bei dera eascht'n Auffüahrung Publekumsprotest' geb'n håt, is des Weak scho nåch da viat'n Vuastöllung aus'n Spüiplan g'strich'n wua'n.

Trotzdem dass sei gaunzes Leb'n eh nua g'miatli gaunga is, mechtata da Schafgeist mit 55 Jahrln sei Ledamanufaktua aun sein Neff'n Splittinger üwageb'n, damit a söwa „nur mehr Ruhe“ geniaß'n kau. Owa gråd aun dem Tåg geht's auf amoi gaunz narrisch in sein Haus zua:

Z'weg'n an Kutsch'nunfoi in da Näh' quatiar'n si da wehleidiche Herr von Hornissl, dea wo imma an jed'n aundan de Schuid aun sein eiganan Föhla gibt, sei a biss'l dumme Gattin Barbara („… ich bin in Todesängsten wegen dem lilafarbenen Kleid.“), de unsöibständiche Tochta Peppi („Ich hab gar keinen Willen, wenn sie wünschen …“) und da egoistische und eigebüidete Neffe Laffberger (Hornissl: „… ein unbegreiflicher Weltmann, der Hansi“) bei eahm ei. In Schafgeist sei eigana Neffe Splittinger is a leichtsinnicha Strawanza[9], dea wo nua'r aun sei Vagnüg'n denkt, da intrigante G'söi Rochus wü sei kokette Ziachtochta Leocadia unbedingt aunan Schafgeist vakupp'ln, de oide Nåchbarin Madame Groning wü den jungan Splittinger zum Mau hå'm, nua da tüchtiche Franz, dea wo se glei in de Peppi valiabt håt, kümmat si ums G'schäft.

Da Splittinger und da Laffberger stöi'n da Leocadia nåch. Da Hornissl håt friacha'r amoi de Madame Groning um a muadsgroße Eabschåft betrog'n und mechtat drum wichtiche Schriftstück'ln im Teich vasenk'n:

„Sicher is sichere; weiß ohnehin nicht, zu was ich das Zeugs immer aufbewahrt hab’. […] Wenn aber etwa – ah, nein – austrocknen kann so ein Teich nicht – und wenn auch – das Dings is hübsch schwer, versinkt in kurzer Zeit ganz im Schlamm.“ (II. Act, 10. Scene)[10]

Wia des Duachanaunda aum hechst'n is, wiad da unschuidiche Schafgeist von dem eahm feindlich g'sinnt'n Åmtschreiwa Klecks mit da Hüif vom Patzmann ois Frau'n- und Kindaentfüahra, ois Höfa bei an Moadvasuach und weg'n Åmtseah'nbeleidichung vahåft'. Eascht duach's Dazwisch'ntret'n vom Syndicus Werthner und duach's Auffind'n von dera Kassett'n mit'n Hornissl seine Dokument' in Teich wiad ollas kloa: De Peppi is in Woaheit in Schafgeist sei totglaubte Tochta, de da Hornissl seina Frau füa dera iah totgebuarans Kind untag'schoben hat. Da Splittinger eabt oiso nix und vamöht si mit da Madame Groning, de Leocadia foaht beleidicht in de Hauptstådt zruck, da Rochus, dea wo gaunz unvaschämt füa sei Hintafotzichkeit aa no belohnt wea'n mechtat, blitzt oh und da brave Franz kriagt sei Peppi, de wo's Ledag'schäft eabt. Da Schafgeist is üwa des ollas gaunz ealeichtat und maant:

„Jetzt aber hoff ich doch wird mich nix mehr aus der Ruh bringen, bis – bis einen Tag vor der Kindstauf, da werd’ ich a Bissel ’s Umschießen haben, dann aber wieder Ruhe, nur Ruhe!“ (III. Act, 18. Scene)[11]

Weaksg'schicht'

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Nur Ruhe! is a schoafsichtich-zynische Ohrechnung mit'n sått'n und bequeman Büagatum im Metternich[12] sein Wien vom Vormärz. Weu da Nestroy olle g'söischåftlich'n Schicht'n gleichmäßich kritesiat håt und dabei trotz da aunda's wearat'n Zeit'n ois unvaändaboa in eahnara geistich'n Stuaheit zagt, hau'm si de meist'n Zuaschaucha betroff'n g'füiht und drum lautstoak bei da Easchtauffüahrung geg'n des „unwienerische“ Stückl protestiat.[13]

Da deitsche Geamanist Friedrich Sengle (1909–1994) håt des, wås's Publekum aum meist'n vastöat hättat, sogoa gaunz konkret auf de zwaa Kontrahent'n im Weak bezog'n: Da „bürgerliche“ Schafgeist hättat üwahaupts ka „kapitalistische Dynamik“ besess'n, sondan warat a „gutmütiger Phlegmatiker“, dea wo anzich de Varauntwuatung füa sein' Betrieb loswea'n mecht – da „proletarische“ Rochus mit seina „klassenkämpferischen Gebärde, einer captatio benevolentiae[14] für die Galerie“ warat in Woahheit bloß a „Gauner und halber Zuhälter“, bei dem si de Komik mit seina unguat'n Oat gaunz schlecht mitanaunda vatråg'n.[15]

De greßte Konkurrenz füa de Lokalposs'n woa'r owa des in Wean seit anicha Zeit unhamlich beliabte Vaudeville[16], des wås aa vom Direkta Carl Carl eifrich auf sei Theata bråcht wua'n is. Des Publekum woa'r in Vaudeville- und Voiksstück-Auhänga g'spoit'n; aa bei da eascht'n Auffüahrung von Nur Ruhe! san de zwaa Grupp'n im Theata lautstoak aufanaunda gstess'n. Weu des neuche Nestroy-Stückl de Eawoartungan üwahaupts net eafüit håt, hau'm beide Grupp'n an unhamlich'n Krawäu g'måcht, natüalich a jede aus an aunda'n Motiv.[17]

De Kritik woa ziemli parteiisch, wås in dera daumålich'n Zeit kaneswegs zu de Raretät'n g'heat håt. Zwoa san aa de Schwäch'n vom Stückl kritesiat wua'n – olladings meist'ns nua de unwesentlich'n Såch'n ois wia de soweso goa net häufich'n „ordinären Ausdrücke“, jå sogoa de Klistierspritz'n[18] aum Schluss vom eascht'n Akt (obwoi des in in de daumolich'n Poss'n a duachaus üblich's Requisit woa) – hauptsächlich is dabei eb'nfois da Zwist von de Vaudevillist'n geg'n de Weana-Poss'n-Vafechta beschrieb'n wua'n. De stoak'n Küazungan füa de zweite und de foigend'n Auffüahrungan hau'm zwoa'r a Mäßegung von de Publekumsprotest' bråcht, des håt owa des Weakl aa net vua da g'schwind'n Ohsetzung rett'n kenna.[19]

Da Nestroy håt in de Auffüahrungan den Rochus Dickfell, da Wenzel Scholz den Anton Schafgeist, da Alois Grois den Herrn von Hornissl, da Franz Gämmerler den Franz Walkauer und da Ignaz Stahl den Syndicus Werthner g'spüit.[20]

A Vualåg füa'n Nestroy sei Stückl is bishea no net festgestöit wua'n. Da Fritz Brukner und da Otto Rommel hau'm 1928 a französesches Drama vamutet, dafüa soi's owa kan Beleg geb'n.[19] Scho 1908 håt da Rommel ähnlich g'schrieb'n, wobei de Fråg' Roman oda Drama off'n blieb'n is. Des Stück aun sich håt a ois „gehalt- und interesselose Fabel“ bezeichn't.[21]

A Origenäuhaundschrift vom Nestroy, wo de Blad'ln in links „Reinschrift“ und rechts „Konzept“ eig'richt' woa'n, is no vuahaund'n[22] De Origenäu-Partetua vom Adolf Müller (ohne de Couplet-Text'n) wiad in da Musiksammlung der Wienbibliothek im Rathaus aufbewoaht.

Zeidungskritik

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De zeitgenössisch'n Theatakritika woa'n si – waunn aa z'weg'n untaschiedliche Gründ' und mit untaschiedlicha Schäaf'n – in da Ohlehnung von dem Weak einich, sogoa maunche sunst nestroyfreindliche Zeitschrift'n san dabei mit de aundan ana Manung g'wes'n.[23]

Da Rezensent von de Sonntagsblätter, da Dr. Wagner, geg'n Poss'ndichta soweso kritisch eig'stöit, håt aum 19. Novemba 1843 (S. 1128 f.) konstatiat:

„Mit einer Art schmerzlicher Resignation zeigen wir die gänzliche Werthlosigkeit, das totale Fiasko dieses neuesten Produktes aus Nestroy’s Feder an, da er doch der einzige kräftiggrüne Zweig auf dem welk und gelb gewordnen Baum unserer Volksmuse ist. […] welche uns die traurige Bemerkung aufdringt, Nestroy habe sich erschöpft.“

In dera sunst'n in Nestroy duachaus zuag'neigt'n Wiener Theaterzeitung vom Adolf Bäuerle woa'r aum 20. Novemba (S. 1203) zum les'n, dass de zweite Vuastöllung nåch da misslunganan Easchtauffüahrung zwoa duach „Kürzungen und Weglassungen […] eine sehr freundliche Aufnahme“ g'fund'n hättat, owa trotzdem warat'n de „Erwartungen und Anforderungen“ aun an berühmt'n Dichta vom Nestroy net eafüit wua'n.

Im Wanderer is festg'stöit wua'n, dass de Spoitung vom Publekum teuweis' aa Schuid aum Debak'l g'wes'n warat, owa de „Langweiligkeit der Novität“ is unvakennboa g'wes'n.

Des Österreichische Morgenblatt håt üwa de Doastölla g'schrieb'n:

„Von den Schauspielern und ihren Leistungen läßt sich bei einem Stücke, bei dem durch zwei Akte gezischt wird, wenig mehr sagen, als dass sie ihrer Aufgabe Genüge zu leisten schienen.“

In aundare Kritik'n is eawähnt wua'n, dass da Nestroy etliche Moi („mit Opposition“) ausseg'ruaf'n wua'n is und da Scholz, ohne si von da Zischarei stöa'n zum låss'n, sei Roi'n recht augaschiat g'spüit hättat. In da Wiener Zeitschrift is a gaunz schoaf negative Rezenseaun mit'n Såtz beendet wua'n:

„Genug: Justo publici judicio justificatis est!“ (Durch die öffentliche Meinung ist das Urteil gerechtfertigt!)

Spätare Fåchkritik

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Bei da Barbara Rita Krebs is zum les'n, dass Nur Ruhe! zu dene fünf aum äagst'n duachg'fållanan Stückln vom Nestroy zöiht, de via'r aundan warat'n Der Zauberer Sulphurelectrimagneticophosphoratus (1834), Eine Wohnung ist zu vermiethen in der Stadt (1837), Die lieben Anverwandten (1848) und Heimliches Geld, heimliche Liebe (1853).[24]

De Frau Krebs stöit fest, dass in da zeitgenössisch'n Rezepteaun da Schweapunkt auf'n Nestroy seina sozeäu'n Kritik g'leg'n is, de wås se owa'r aa ois ästhetische Kritik doastöit, waunn beispüisweis da Moritz Gottlieb Saphir kritesiat, dass stått ana „Heerschau von prachtvollen Anzügen, Feerien,[25] Tänzen, Gruppierungen, Gesängen, Liedern u.s.w.“[26] nua „fratzenhafte Geberdung, widerliche Ausstellung frivoler Gesinnungen“ eatråg'n wea'n miassat. Es warat oiso ollas z'saummg'numma da schonungslose Realismus von dera Doastöllung da Hauptgrund füa de Åblehnung duach des entteuschte und unaungenehm betroffane Publekum g'wes'n, des si auf da Bühne söwa dakennt hättat.[27]

Da Otto Rommel geht davaun aus, es hättat si um den offanan Kriag zwisch'n de Vaudevillist'n und de Poss'nauhänga g'haund'lt, wås aa de – eb'nfois zwaateuilte – zeitgenössische Kritik beweist, de genau in de söwe Richtung züi'n tättat.[28]

  • Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. Johann Nestroy, sein Leben. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-7973-0389-0.
  • Fritz Brukner/Otto Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe in fünfzehn Bänden, zwölfter Band, Verlag von Anton Schroll & Co, Wien 1929, S. 3–108, 537–566.
  • Jürgen Hein (Hrsg.): Johann Nestroy; Stücke 32. In: Jürgen Hein/Johann Hüttner/Walter Obermaier/W. Edgar Yates: Johann Nestroy, Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Jugend und Volk, Wien/München 1993, ISBN 3-224-16909-5; 1–85, 163–241.
  • Barbara Rita Krebs: Nestroys Misserfolge: ästhetische und soziale Bedingungen. Diplomarbeit an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, Wien 1989.
  • Otto Rommel: Nestroys Werke. Auswahl in zwei Teilen, Goldene Klassiker-Bibliothek, Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin/Leipzig/Wien/Stuttgart 1908.
  1. g'maant is Wean
  2. Speculant = „jemand, der sich um hoher Gewinne willen in unsichere Geschäfte einläßt“ (Franz Funk, Das Büchlein von den Geldkupplern, Zubringern, Unterhändlern, G'schaftelbergern, Mäklern oder Sensalen, Wien 1848)
  3. Laffe = a eitla junga Mau, Geck, weanarisch Gigerl
  4. Syndicus = Rechtsbeistaund, in dem Foi is a Richta g'maant
  5. im Text Weakfüahra g'hass'n
  6. Altgeselle = da öitaste G'söll in ana Weakstått mit b'sundare Recht'n und Pflicht'n
  7. patzen = weanerisch füa klecks'n, stümpan, quacksalban
  8. Wachter = G'moadiena mit Polezeifunkteaunan
  9. Strawanza, Strawanzer, Strabanzer = ana, dea wo si nua umadumtreibt, nix g'scheit's oawat und nua'r an Bleedsinn im Kopf håt
  10. Brukner/Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. S. 66.
  11. Jürgen Hein: Johann Nestroy; Stücke 32. S. 85.
  12. schaug bei Klemens Wenzel Lothar von Metternich
  13. Helmut Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. S. 254–255.
  14. captatio benevolentiae = lateinisch: Eifaunga von Zuastimmung, Gunst
  15. Friedrich Sengle: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution, 1815–1848. Metzler, Stuttgart 1971/72, ISBN 3-476-00182-2.
  16. schaug bei Vaudeville
  17. Otto Rommel/Fritz Brukner: Johann Nestroy, Sämtliche Werke, 15 Bände, Wien 1924–30; Band XII, S. 551.
  18. schaug bei Einlauf#Geräte
  19. 19,0 19,1 Brukner/Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. S. 550–551.
  20. Faksimile vom Theatazedl in Jürgen Hein: Johann Nestroy; Stücke 32. S. 354.
  21. Otto Rommel: Nestroys Werke. S. LVII–LVIII.
  22. Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur I.N. 33.342.
  23. Jürgen Hein: Johann Nestroy; Stücke 32. S. 170–179. (füa's gaunze Kapit'l „Zeidungskritik“)
  24. Barbara Rita Krebs: Nestroys Misserfolge, S. 9–10.
  25. Feerien = Zauwatheata mit Feen
  26. Der Humorist vom 25. Novemba 1843, S. 93 f.
  27. Barbara Rita Krebs: Nestroys Misserfolge, S. 67–68.
  28. Otto Rommel: Johann Nestroy, Gesammelte Werke, Schroll, 1962, S. 55.